Zeitzeugin des Holocaust Alodia Witaszek-Napierala am Rotteck-Gymnasium

|| Das nationalsozialistische Regime, der Holocaust, der zweite Weltkrieg. Begriffe, die wir aus der Schule kennen, aus Vorträgen, Büchern und Zeitungsartikeln. Besonders hier in Deutschland, als "Hauptschauplatz des Schreckens" begegnet uns das Thema regelmäßig. Wir versuchen uns aktiv an die grausamen Ereignisse damals zu erinnern, als Prävention. So etwas darf nie wieder passieren. So etwas darf UNS nicht passieren. So sehr wir uns in das Thema einlesen, Filme ansehen und studieren können, was damals, wie und wieso geschehen ist, werden wir nie fühlen können wie die Menschen zu jener Zeit. Wir waren nicht dabei.

Sie war dabei; Alodia Witaszek-Napierala. Geboren am 3. Januar 1938 in Polen, ein Jahr vor dem Einmarsch der deutschen Truppen und damit ein Jahr vor Beginn des zweiten Weltkriegs.

Seelenruhig und bestimmt zugleich erzählt uns die 80 jährige Dame mit hörbar polnischem Akzent von der Trennung von ihr und ihrer Schwester von der Familie. Der Vater von der SS hingerichtet, die Mutter mit der Großmutter nach Ausschwitz gebracht. Die fünf Kinder werden auf die Verwandtschaft verteilt, doch die kleine Alodia und ihre Schwester, die als "deutschtauglich" beschrieben werden, kommen unter die "Fittiche der SS". Sie sollen, als angebliche Waisen zur Adoption an deutsche Paare gegeben werden, als "Geschenk des Führers". Erste Station ist das Jugendverwahrlager in Litzmannstadt, das nichts anderes ist, als ein Konzentrations-/Arbeitslager für Kinder und Jugendliche und aus dem Frau Witaszek-Napierala uns schreckliche Geschichten von Suiziden und vergammeltem Essen erzählt. Graue Gesichter im Publikum, während man fast spürt, wie jeder im Raum die grausamen Bilder vor Augen hat.

Von dort aus geht es für beide Mädchen in ein Kinderheim in Kalisz, und später in ein "Lebensborn"-Heim in Bad Polzin. Hier werden die Mädchen nach längerem Aufenthalt an verschiedene deutsche Fa-milien vermittelt. Zu dem Zeitpunkt können beide Mädchen kein Polnisch mehr, es wurde ihnen zwanghaft aberzogen.

Alodia, nun Alice Luise Dahl, kommt zu der Frau, die sie auch heute noch liebevoll "Mutti" nennt. Eine Frau, die aufgrund ihrer Kinderlosigkeit ein vermeidlich deutsches Waisenkind adoptiert. Dort bleibt Alodia bis sie, im Alter von 10 Jahren, nach dem Ende des Krieges von ihrer leiblichen Mutter gefunden wird. Diese hat Ausschwitz überlebt und kämpft um ihre verschollenen Töchter. So erfährt Alodia zum ersten Mal von ihrer Geschichte, denn sogar sie selbst wusste nichts mehr von ihrer polnischen Herkunft.

Mit dem Zug reist Alodia zurück in ihre Geburtsstadt, doch sie kann weder polnisch, noch erkennt sie Stadt oder Familie wieder. Sie ist doch Deutsche!? Die neue Erkenntnis darüber, was man ihr angetan hat, erleichtert das Einfinden in ein scheinbar fremdes Land nicht. Die Nationalsozialisten haben ihr ihre Identität gestohlen.

Dennoch wird sie dort bleiben, studieren und eine Familie gründen. Den Kontakt mit ihrer deutschen "Mutti" hält nicht nur sie, sondern auch ihre leibliche Mutter aufrecht, die beiden Frauen sind über die Jahre Freundinnen geworden, ein Verlauf, wie es ihn selten gibt.

Die Wirkung dieser Biographie auf uns als Zuhörer ist fast greifbar. Betretenes Schweigen, ein paar geflüsterte Kommentare. Die filmreifen Bilder in unseren Köpfen mit der tatsächlichen Realität der Geschichte zu verbinden, fällt jedem schwer. Solche Schrecken kennen wir jungen Gymnasiasten und Gymnasiastinnen nur aus Filmen oder Medienberichten aus dem Nahen Osten, Afrika oder Asien. Sie liegen im Alltag weit weg. Doch zu hören, dass genau solche Ereignisse vor nicht einmal 80 Jahren hier in einem 10-Stunden-Fahrt-Radius stattgefunden haben, ist ein Appell an alle, noch mehr daran zu arbeiten, dass so etwas nicht nur uns nicht wieder passiert, sondern auch in anderen Teilen der Welt ein Ende findet.

Das Maximilian-Kolbe-Werk ermöglicht jung wie alt durch diese Vortragsreihe eine unglaubliche, wertvolle und prägende Erfahrung. Die Zahl der Überlebenden des Nationalsozialistischen Regimes sinkt von Jahr zu Jahr und die, die übrig sind, sind als Redner besonders begehrt, insofern wollen wir uns, als Schule beim Maximilian-Kolbe-Werk herzlichst für die Möglichkeit und insbesondere bei Alodia Witaszek-Napierala für das großzügige "Mit-Teilen" ihrer bewegenden Geschichte bedanken.

Verfasserin: Clara Günther, K2