nachgefragt: Charlotte Knobloch

"Wir sind ja nicht bei Plasberg"

Im November 2005 startete am Rotteck-Gymnasium eine Talkshow-Reihe, in der jeweils zwei Schüler 90 Minuten lang einen prominenten Gast ausfragen und auch mal auf den Zahn fühlen. Dass sie das dermaßen gut tun und Publikumsresonanz und Kritiken dermaßen gut sein würden, war damals nicht abzusehen. Mittlerweile waren 25 Prominente bei "Nachgefragt" – namhafte Persönlichkeiten aus Kultur, Politik, Sport und Kirche. Am kommenden Mittwochnachmittag ist Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, der 26."Nachgefragt"-Gast im Rotteck.

Elftklässler Benjamin Birner moderiert das Gespräch mit Knobloch zusammen mit seiner Mitschülerin Ines Josten. Von der Biografie der 1932 geborenen Zentralratsvorsitzenden, die dank einer ehemaligen Hausangestellten ihrer Eltern den Holocaust überlebte, ist er beeindruckt. "Ich habe noch nie mit einem Zeitzeugen geredet, das wollte ich unbedingt mal machen", nennt der 16-Jährige Benjamin einen der Gründe, warum er sich zu Beginn des Schuljahrs, als jedem der 14 Schüler des Oberstufen-Seminarkurses ein Prominenter zugeordnet wurde, für die Vorsitzende des Zentralrats der Juden entschied.

Zwei bis drei Monate vor der Talkshow begann für Benjamin und Ines die intensive Vorbereitung. Zunächst lasen die beiden Bücher und Internet- und Zeitungsartikel über Knoblochs Leben und Wirken sowie über das Thema Antisemitismus. Manches, was er über Knobloch erfuhr, fand Benjamin zu radikal und ließ bei ihm Unbehagen entstehen. Nachdem er sich aber intensiver mit ihrer Geschichte befasst hatte, verstand er vieles besser.

In der Show wollen Benjamin und Ines auch kritische Fragen stellen und den einen oder anderen problematischen Punkt ansprechen. "Wir versuchen aber, dass es keinen Konflikt mit dem Gast gibt. Wir sind ja nicht bei Plasberg", sagt Benjamin. Im Zweifelsfall, sagt die 16-jährige Ines, muss ein Gast ja auch nicht antworten, wenn er nicht will. Alles schon vorgekommen. "Es gibt einfach auch Fragen, die oben auf der Bühne nicht gestellt werden können",weiß Lehrer Martin Walter. Mitunter passiert es auch, dass die Pädagogen –neben dem 38-jährigen Walter leiten Rainer Kügele (37) und neu in diesem Schuljahr Werner Michelangeli (40) den Kurs – etwas brisant finden, das für die Schüler gar nicht von Belang ist. Guido Westerwelle und das Thema Homosexualität war so ein Beispiel: "Für die Schüler war das gar keinThema", erinnert sich Kügele.

Benjamin und Ines haben sichtlich Spaß an der Recherche. Und stießen auch auf Überraschendes. Neu war zum Beispiel, dass Knobloch mehr Patriotismus für Deutschland fordert, erzählt Benjamin. "Und dass sie oft unsere Generation anspricht und die Verantwortung, die wir haben." Zur Vorbereitung von "Nachgefragt" gehören immer auch Recherche-Interviews mit Menschen aus dem Umfeld des Prominenten. Diese führen die Moderatoren selbst. So hoffen sie, in der Show auch die private Seite des Gastes zeigen zu können. In Knoblochs Fall sprachen Benjamin und Ines mit dem Journalisten Michael Schleicher, einem früheren Mitarbeiter Knoblochs. Durch ihn erfuhren sie Dinge, die sie noch nicht wussten. Zum Beispiel, dass Knobloch Anhängerin des FC Bayern ist –eine Info, die durchaus Eingang in die Show finden kann. So entstand nach und nach ein Gesprächskonzept – das über den Haufen geworfen werden musste, als Ende Dezember der Krieg im Gazastreifen ausbrach. Nach der Recherche wird das Konzept den Mitschülern präsentiert; und in einer Generalprobe, in der einer der Lehrer oder BZ-Redakteur Stefan Hupka die Rolle des Promis einnimmt, wird das Gespräch simuliert. Zeit für Last-Minute-Entscheidungen gebe es dann immer noch, verrät Benjamin.

Bleibt zu guter Letzt die alles entscheidende Frage: Wie schaffen es die "Nachgefragt"-Lehrer eigentlich, die ganzen Berühmtheiten ins Rotteck-Gymnasium zu holen? An fürstlichen Honoraren für die Gäste kann es nicht liegen; die meisten Gäste zahlen sogar die Anreise selbst (trotzdem freut sich das "Nachgefragt"-Team über Sponsoren). Viele Anfragen gehen ganz einfach den offiziellen Weg – entweder direkt an die potenziellen Gäste oder an deren Agenten oder Büros. Das klappt wie unlängst bei Schauspieler Til Schweiger und Verlegerin Inge Feltrinelli erstaunlich oft. Allein die Terminprobleme der Stars sorgen wie bei Iris Berben für Verschiebungen. Natürlich können Martin Walter, Rainer Kügele und Werner Michelangeli bei ihrenAnfragen inzwischen mit der Gästeliste im Briefkopf werben: "Das vereinfacht es, aber es wird dadurch kein Selbstläufer", sagt Walter. Und räumt ein, dass der eine oder andere Gast schon auch über private Verbindungen an Land gezogen wurde: Finanzminister Peer Steinbrück kam, weil seine Frau die ehemalige Erdkundelehrerin eines Rotteck-Lehrers war. Jeder der Lehrer hat übrigens noch Wunschgäste in petto: Günter Grass, Joschka Fischer oder Armin Müller-Stahl. Derweil träumt Benjamin Birner von Barack Obama.

"Nachgefragt" mit Charlotte Knobloch, Rotteck-Gymnasium, Mittwoch, 28.01.2009, 16 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Artikel aus der Badischen Zeitung vom 26.01.2009

Nachgefragt: Charlotte Knobloch

Charlotte Knobloch war bei unsnicht nur als Vorsitzende des Zentralrates der Juden, sondern auch alsZeitzeugin und damit Überlebende des Holocaust.
Das Gesprächstartete sehr emotional, indem der aufgebaute Bauernhof Erinnerungen anihre Kindheit weckte, auf dem sie als Kind den Nationalsozialismusüberlebte. Im Gespräch mit Benni und Ines berichtete sie über ihreErfahrungen und Gefühle während dieser schwierigen Zeit. Von derStallarbeit über die besondere Freundschaft mit einer Katze bis zumunerwarteten Wiedersehen mit ihrem Vater, war alles dabei.
Imsachlicheren Teil des Gesprächs berichtete sie über ihre Beweggründe inDeutschland zu bleiben. Etliche Anläufe zum Auswandern wurden durchunerwartete Schwangerschaften durchkreuzt. Durch das Legen desGrundsteines der Neuen Münchner Synagoge beschloss sie endgültig inDeutschland zu bleiben. Was sie mit dem Satz Heute habe ich meineKoffer ausgepackt zum Ausdruck brachte. Ab diesem Zeitpunkt war für sieklar Jüdisches Leben in Deutschland hat Zukunft.
Frau Knoblochwies darauf hin, dass unsere Generation dafür die Verantwortung trage,allerdings keinerlei Schuld am Holocaust betrifft. Sie forderte sogar,dass es in Deutschland wieder mehr Patriotismus gibt.
Das aktuelleThema des Konfliktes in Israel betrifft sie nicht nur als Vertreterihrer Religion, sondern auch direkt durch Familienangehörige, die indort leben. Sie bekräftigte den Krieg auch indem sie sagte, dass er zuspät kam.
Zum lockeren Abschluss redete Frau Knobloch mit Benniund Ines über Podolskis kommenden Vereinswechsel, über ihr Verhältniszum modernen Leben als konservative Jüdin und über Heimatgefühle zuMünchen, wohin der gesamte Nachgefragt - Kurs von ihr eingeladenwurde.

Simon Neidhardt und Tomek Sowula