nachgefragt: Dr. Heiner Geißler

"Der Kapitalismus muss ersetzt werden"

Der ehemalige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler war zu Gast am Rotteck-Gymnasiumbei der Talkshow "Nachgefragt"



Von unserem Mitarbeiter Thomas Goebel

Manchmal kommt das Spannendste zum Schluss. "Der Kapitalismus muss ersetzt werden durch eine internationale ökosoziale Marktwirtschaft" , sagt Heiner Geißler, als eigentlich schon alles vorbei ist. Da hätte die Diskussion eigentlich noch mal von vorne beginnen können im Rotteck-Gymnasium, wo der ehemalige CDU-Generalsekretär und Minister am Mittwoch bei der Schüler-Talkshow"Nachgefragt" zu Gast war. Zu diesem Zeitpunkt hat sich Geißler allerdings schon gut zwei Stunden lang den Fragen der Zwölftklässlerinnen JuliaRoth und Julia Schuster gestellt. So bleibt seine Forderung das Schlusswort des Abends.

Von Beginn an hatte sich im gut besuchten Foyer des Gymnasiums eine lebhafte Diskussion zwischen den beiden Schülerinnen und ihrem 78-jährigen Gastentwickelt — trotz einiger akustischer und gelegentlich auch inhaltlicher Verständigungsschwierigkeiten. Ob er der These zustimme, dass er politisch von ziemlich weit rechts nach ganz links gewandert sei, wollen die Fragerinnen von dem für scharfe Angriffe berüchtigten ehemaligen Generalsekretär Helmut Kohls wissen — schließlich sei er voriges Jahr sogar dem globalisierungskritischen Netzwerk Attac beigetreten. "Ich bin meinen Grundsätzen immer treu geblieben" , widerspricht Geißler. "Wenn ein CDU-Mitglied meint, ich würde heute nicht mehr in die Partei passen, soll er sich selbst fragen, ob er dort richtig ist." Das christliche Menschenbild sei ihm immer wichtiger gewesen als Loyalität zu Vorstandsbeschlüssen.

1949 macht Geißler sein Abitur am katholischen Kolleg in St. Blasien, tritt in denJ esuitenorden ein und gelobt Armut, Keuschheit und Gehorsam. Warum er drei Jahre später wieder austrat, wollen die Interviewerinnen wissen. "Weil ich gemerkt habe, dass ich zwei Gelübde nicht halten kann" , sagte Geißler."Die Armut war’s nicht" . Er studiert Philosophie und Jura, tritt der CDU bei — "weil die damals im Unterschied zur SPD europäisch ausgerichtet war" — , wird 1977 Generalsekretär unter Helmut Kohl, mit dem er zunächst auch befreundet ist. 1989 kommt es zum Bruch. "Wir lesen ihnen jetzt mal eine Passage aus Kohls Tagebuch vor", kündigt eine der Schülerinnen an. "Lieber nicht" , sagt Geißler.

Um Macht ging es wohl damals, um den Kurs der CDU, auch um Debattenkultur. Ob er selbst Kanzler werden wollte, fragen die Schülerinnen. "Das hätte ich auch gekonnt — so gut wie andere auch" , sagt Geißler. "Aber dafür fehlte mir der Ehrgeiz." Selbst wenn etwas Koketterie im Spiel ist — dass es für Geißler nicht nur Politik gibt und gab, wird spürbar, als das Gespräch auf sein zweites großes Thema kommt — das Bergsteigen: "Leichtathletik ist Maloche, Fußball Handwerk. Bergsteigen — ist Kunst!" Klettern gegangen, sagt Geißler, wäre er auch ohne Politik: "Das ist eines der letzten Abenteuer." Als Minister in Mainz habe er sogar auf Fastnachtssitzungen verzichtet, um in die Berge zu gehen — eine landespolitische Todsünde. Klettern sei immer viel mehr gewesen als ein bloßer Ausgleich für den politischen Stress, erzählt er seinen Interviewerinnen. Aber eine Parallele zieht er danndoch zwischen Bergsteigen und Politik: "Zu den wichtigsten charakterlichen Eigenschaften gehört, dass man umkehren kann."

Badische Zeitung vom 11.04.2008