nachgefragt mit Franz Müntefering

DER SPIEGEL (09.11.2009)

Das Ende des Alleiners(...)

Es gib da keine Missverständnisse, wie ein Ausflug am Mittwoch vergangener Woche nach Freiburg im Breisgau erweist. Das Rotteck-Gymnasium lädt regelmäßig Prominente in seine Aula zu einem sehr phantasievollen Talk.

Möglicherweise lässt sich Müntefering bei einem seiner letzten Auftritte als SPD-Vorsitzender von den originellen Fragen und der Schlagfertigkeit der jungen Interviewer beeindrucken, jedenfalls erleben sie Sternstunden des Journaismus, für die sie jeder Moderator im Fernsehen beneiden würde.

Denn weit weg von Berlin, kurz vor der Schweizer Grenze, macht die Auster Müntefering kurz auf. Er sagt, dass es ein Fehler war, die Reformpolitik Gerhard Schröders technokratisch Agenda 2010 genannt zuhaben. "Der Begriff war gar nicht von uns", sagt er. "Das war eine journalistische Prägung, die wir übernommen haben.. Da haben wir werbetechnisch sicher nicht alles richtig gemacht." (...)

Dann kommen die beiden Gastgeberinnen auf Andrea Nahles zu sprechen. Warum er damals auf Wasserhövel beharrt hatte, wollten sie wissen.

Müntefering: "Ich wusste: Ich muss da jemanden sitzen haben, dem ich vertraue."
Schülerin: "Warum konnten Sie nicht mit Andrea Nahles zusammenarbeiten?"
Müntefering: "Wir kennen uns." Pause. Gelächter im Saal. "Wir kennen uns, und wir kannten uns. Mir schien das nicht mit ihr möglich zu sein."
Schülerin: "Sigmar Gabriel hat in seinem Brief an die SPD-Mitglieder geschrieben, es wurde zulezt nur geführt, nicht gesammelt. Wie fanden Sie diesen Brief."
Müntefering: "Ich habe ihn nicht gefunden."
Schülerin: "Nicht gefunden. Dann frage ich anders. Was ist ihre Meinung dazu?"
Müntefering: "Ich habe ihn gelesen. So ist das. Der eine ist eben so, der andere so."
Schülerin: "Und wie isser als Mensch."
Müntefering: "Er ist ein großes Talent."
Schülerin: Was raten Sie ihm?"
Müntefering: "Was ich dem rate?"
Schülerin: Was Sie ihm raten?"
Pause. Danach redet Müntefering über die Bedeutung des Leitantrags für den Parteitag. Persönliche Fehler? Ja, gebe es schon, sagt er in Freiburg. Redet man aber nicht drüber. Findet er peinlich. (...)

„Die Heuschrecken müssen weg!“

Was in der Politik gilt, kann doch auch im Kulinarischen nicht falsch sein. Also zögerte Franz Müntefering keine Sekunde, ein paar Heuschrecken zu verspeisen, die man ihm serviert hatte. Endlich konnte er sich an der effektiven Bekämpfung seiner ungeliebten Freunde beteiligen, auch wenn es diesmal nur deren Namensvetter waren.

In einer schönen Atmosphäre bei Kerzenschein, erklärte Müntefering dann, warum Politik die Liebe zum Leben sei und weit über die Parlamente hinausgehe. „Jeder der in einem Verein oder einer Organisation aktiv ist, macht doch Politik.[...] Und wer dort etwas tut, bewegt mehr, als die Politiker, die nur darüber reden.“

Auch an das Gute im Menschen, die Demokratie und den Sozialstaat glaube er noch. Die Menschen wären zu Gutem und Schlechtem geschaffen und das hätte sich bis heute nicht geändert.

Diesen Glauben und die Liebe zum Leben, hatte der heute 69-jährige, wohl schon immer. Auf jeden Fall die letzten 44 Jahre seines Lebens, die er allesamt in der SPD verbracht hat. „Ich hab mir damals gedacht: Gehst da mal rein und veränder was.“ Verändert hat er auch etwas: Seit 1991 im Vorstand der SPD aktiv, war er maßgeblich an der Agenda 2010 beteiligt. 2004 wurde er dann in das Amt des Bundesvorsitzenden gewählt, von dem er ein Jahr später wieder zurück trat, um 2008 nach 3 Jahren und 3 Vorsitzenden wiederum Vorstand zu werden. Knapp ein Jahr später geht er schon wieder, denn nach dem Wahldebakel soll es einen Generationswechsel geben.

Ob die Agenda 2010 am schlechten Wahlergebnis der SPD Schuld war, persönliche Fehler gemacht wurden, oder doch Lafontaines Linkspartei wertvolle Stimmen gekostet hat, konnte nicht klar in Erfahrung gebracht werden. Jedoch erklärte Müntefering einen Teil des Stimmenverlusts mit der Änderung der Strukturen: Die Volksparteien wären kleiner geworden und immer mehr Parteien, die sich nur aufbegrenzte Themengebiete konzentrierten, wären aufgetaucht.

Die Strukturen bei der traditionellen „angreifBar“ haben sich dahin gegen nicht verändert, auch Münte erfühlte 5 Gegenstände, die jeweils ein Stück aus seinem Leben repräsentierten.

So kam man an diesem Abend in den Genuss Franz Müntefering mit einem Fußball jonglieren zu sehen. Das Jonglieren hatte er beim aktiven Spielen in der TuS Sundern, übrigens nach Freiburg die schönste Stadt Deutschlands, erlernt. Der Höhepunkt eines amüsanten und lehrreichen Gesprächs.

Adrian Furtwängler (Seminarkurs 2009/2010)

Das Ende des Alleiners