nachgefragt: Renate Künast

Pointensicher am Einkaufswagen

Renate Künast als Gast bei der Schüler-Talkshow "Nachgefragt"



Von unserem Mitarbeiter Thomas Goebel

Ob sie mit Angela Merkel regieren würde, wollen Ines Kehl und Judith Wenner von Renate Künast wissen. "Wenn wir unter uns wären..." , antwortet die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag — um hinzuzufügen: "Sie ist eine starke Frau. Aber mit den falschen Inhalten." Dienstagabend war Künast zu Gast bei der Schülertalkshow "Nachgefragt" im Rotteck-Gymnasium — und antwortete pointensicher den beiden gründlich vorbereiteten Schülerinnen.

"Sie waren mal ein Jahr in der Justizvollzugsanstalt Tegel. Wie sind Sie denn da reingeraten?", fragt eine beiden. "Wenn ich frech wäre, würde ich sagen: Durch die Tür!", antwortet Künast. Dann erzählt sie von ihrem Anerkennungsjahr als Sozialarbeiterin im Berliner Männerknast — und dem langen Weg dorthin. Künast ist 1955 in Recklinghausen geboren, als Kind hatte sie auf die Hauptschule gehen sollen: "Mein Vater war der Meinung: Mehr lohnt sich nicht für ein Mädchen." Doch sei sie "allen auf die Nerven gegangen" — bis sie auf die Realschule durfte.

Künast verfügt über eine Art professionelle Natürlichkeit. Sie antwortet spontan auf die Fragen der Schülerinnen — und hat das Gespräch doch im Griff, erzählt nur, was sie auch erzählen will. Das ist nicht allzu viel Persönliches. "Da muss man sich entscheiden" , sagt sie. "Wenn man Homestorys macht — Renate beim Frühstück — , dann sieht man die Bilder noch in zwanzig Jahren."

Gerne erzählt sie dagegen,wie sie politisiert wurde, zum Beispiel als Bürgerin der "Freien Republik Wendland" — einem Hüttendorf, das 1980 von Atomkraftgegnern errichtet wurde. "Walter Mossmann hat für uns immer zur Gitarre gesungen" ,ruft sie ins Publikum, "der kommt doch von hier." Dann beginnt auch Renate Künast ein wenig zu singen: "Schau, die Sonne fällt in die Vogesen,und die Nebel steigen aus dem Rhein... " Als politischer Mensch, sagt Künast, wollte sie schon damals die gesellschaftlichen Strukturen verändern. Sie studierte noch Jura — und machte Karriere bei den Grünen bis zur Verbraucherschutzministerin.

Deshalb muss Künast jetzt aus einem Einkaufswagen Lebensmittel auswählen und kommentieren. Zielsicher greift sie zur Ökoschokolade: "Biosiegel und fairgehandelt, das ist die ganz hohe Schule." Die Schülerinnen können die Ex-Ministerin kaum wieder vom Einkaufswagen lösen, zu jedem Joghurt oder Toastbrot fällt ihr etwas ein. "Ich habe den Job gerne gemacht", sagt sie. Und ihr politischer Ehrgeiz ist nicht erloschen. "Sollten die Grünen eine eigene Kanzlerkandidatin aufstellen?", will die Interviewerin wissen. "Ich sage nein, weil ich die Anschlussfrage ahne." Die Schülerin lässt nicht locker: "Würden Sie’s denn machen?" "Wenn wir noch etwas stärker werden" , sagt Künast, "überleg’ ich’s mir."

Der Artikel unserer Schülerinnen Lisa Grüny und Julia Roth

Nachgefragt bei Renate Künast

Zu Gast bei Nachgefragt, der von Schülern geleiteten Talkshow im Rotteck-Gymnasium, war vor einer Woche die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Renate Künast. Neben vielen Details zu den Anfängen ihrer politischen Karriere konnten die Zuschauer vor allem Künasts Meinung zur aktuellen Politikhören. Auch die US-Wahl war ein Thema.

Auf die Frage der beiden Moderatorinnen, wie sie denn in die JVA Berlin-Tegel hineingeraten sei, antwortet Künast: "Wenn ich frech wäre, würde ich jetzt sagen: Durch die Tür!" Renate Künast erzählt dann humorvoll von ihrem Anerkennungsjahr als Sozialarbeiterin im Männerknast. Wie die Drogenabhängigen denn auf sie als Frau reagiert hätten, will eine der Moderatorinnen von ihr wissen, und da meint Künast ganz trocken, "Es ging eigentlich", sie sei sehr schnellakzeptiert worden. Besonders interessant wird ihre Geschichte, als sie davonerzählt, wie sie unter den Knackis einen ehemaligen Bekannten aus ihrer vergangenen Hippiezeit wieder getroffen hat. "Ich war froh, dass ich auf der anderen Seite war," sagt Künast.

Über ihre Vergangenheit erfährt das Publikum einige Details. So war sie junge Atomkraftgegnerin, Bürgerin der selbsternannten Republik Freies Wendland, einHüttendorf, das sich aus Protest gegen die Errichtung des Zwischenlagers Gorleben sogar eigene Pässe ausstellte. Leider bestand die Republik nur 30 Tage, dann wurde sie unter Militäraufgebot aufgelöst. "Wir haben alle geweint", sagt Künast. Auf die Frage, ob das Freie Wendland denn auch eine richtige Regierung hatte, antwortet Künast: "Wir waren so alternativ, wir hatten keine Regierung!""Ich will, ich kann, aber ich darf nicht!" Kämpferisch und selbstbewusst war Renate Künast schon immer. Auch im Streit mit ihrem Vater, ob sie auf die Haupt- oder die Realschule sollte, konnte sie sich letztendlich durchsetzen, machte Mittlere Reife und anschließend Fachabitur. Nach ihrem Jurastudium brachte Renate Künast es bis zur Verbraucherministerin und so bekommt sie auch noch eine kleine Aufgabe gestellt: Aus einem gefüllten Einkaufswagen soll sie die Produkte heraussuchen,die sie auch selber kaufen würde. Beim Aussortieren von spanischen Tomaten,überdimensionierten Haribopackungen und Diät-Wölkchen ist sie ganz in ihrem Element. "Fairtrade und Biosiegel, das ist die ganz hohe Schule",meint sie, als sie eine Fairtrade-Bio Schokolade in der Hand hält. Es gebe zwar Unterschiede zwischen den verschiedenen Bioabzeichen, doch mit dem Biosiegel "fängt die andere Welt an". Neben der Ernährungspolitik müsse vor allem in der Umweltpolitik mehr gemacht werden, fordert Künast klar und deutlich. "Es muss eine Tür aufgebrochen werden", man müsse auch den Mut haben, die Dinge umzusetzen, auch den Atomausstieg. Wie von Künast nicht anders zu erwarten, kritisiert sie im Anschluss die Umweltpolitik, an der noch viel gearbeitet werden müsse. Auf die Frage hin, was sie schließen lassen würde, wenn sie sich zwischen Atom- und Kohlekraftwerken entscheiden könnte, muss sie erst einmal überlegen. Beides sei schlimm und gehöre abgeschafft, doch Atomkraftwerke seien aufgrund der unvorhersehbaren Folgen ("es gibt noch immer kein Endlager") doch gefährlicher. Sie verweist auf Tschernobyl und fordert zu mehr Mut und alternativen Energien auf. Nach Gesine Schwan und Anette Schavan ist Renate Künast erst die dritte Frau auf der Nachgefragt-Bühne und so sind vor allem Frauen in der Politik ein Thema. Ob Angela Merkel eines tarke Frau sei, will Moderatorin Ines Kehl von ihr wissen. "Ja, sie ist stark. Aber mit falschem Inhalt", lautet Künasts Antwort. Eine Schwarz-Grüne Koalition auf Bundesebene, nach Hamburger Beispiel, das übersteige die Grenzen ihrer Fantasie. Welche Regierungsform ihr vorschwebt,lässt sie bereits zu Beginn des Gesprächs durchblicken: eine Ampel mit SPD und FDP. Politische Ambitionen scheint Renate Künast noch zu haben, auf die Frageob sie sich als Kanzlerkandidatin aufstellen lassen würde, antwortet sie ausweichend: "Ich würde es mir überlegen." Überhaupt gibt Künast nur sehr wenig Persönliches preis. Im Gegensatz zu Ursula von der Leyen, denn "man möchte ja keine Bilder produzieren, die man später nicht mehr sehen möchte." Bei der Frage, wen sie als amerikanischen Präsidentschaftskandidaten wählen würde, wird es still im Saal. Früher sei sie immer für Hillary gewesen, doch nun würden ja alle von Obama schwärmen. Allerdings sei ihr der etwas suspekt, er habe ihr zuviel Charisma, sei zu predigerhaft mit seinem ganzen "Yes, we can!", "ein bisschen wie Schlange Kaa im Dschungelbuch". Letztendlich sei sie froh, dass sie sich nicht entscheiden müsse.