nachgefragt mit Andrea Nahles

19. Mai 2009 • 19.30 Uhr

Humorvoll und schlagfertig hat sich die stellvertretende Parteivorsitzende der SPD Andrea Nahles am 19. Mai im Rotteck-Gymnasium präsentiert. Sie sprach mit Simon Neidhardt und Jonathan Rupp über gelebte Gerechtigkeit, warum Jesus Sozialdemokrat gewesen wäre und warum die SPD die Wahl doch noch gewinnen wird. Nebenbei gab es als Wahlgeschenk dann auch noch Pudding fürs Publikum, selbstgemixt und mit Liebesperlen verziert.

Bericht der Badischen Zeitung vom 23. Mai 2009:

"Natürlich will ich Macht"

Handschuhe sind nicht ihr Ding. Samthandschuhe ohnehin nicht. Aber auch für die betulichen Gummihandschuhe ihrer beiden Mitköche an der Puddingbar hat sie bloß Verachtung übrig. Mit bloßen Händen rein in die Rührschüssel, auch wenn’s matscht und spritzt. Was für Hausfrauen richtig ist, kann für Politikerinnen nicht falsch sein – findet Andrea Nahles.

Eine Schlammschlacht ist das nur auf den ersten Blick, was sich an diesem Abend im Foyer des Rotteck-Gymnasiums abspielt, es ist eine Eignungsprüfung. "Hausfrau oder Kanzlerin" hatte die Sozialdemokratin aus Rheinland-Pfalz vor 20 Jahren in der Abi-Zeitung als Karriereziele genannt. Simon Neidhardt und Jonathan Rupp, die Moderatoren der Schüler-Talkshow"Nachgefragt", haben sich vorgenommen, ihren Stargast in beiden Disziplinen zu testen. Mit einer Art Fertigpuddingschnellrühr-Contest und mit Fragen zur politischen Substanz.

Test bestanden. Nahles’ spontane Dreiminutenpuddingterrine, verziert mit Liebesperlen ("Ach, wie süß!"), ist, mit kleinen Abstrichen in der B-Note, dann doch die manierlichste von allen. Und ihre Äußerungen zu Themen wie Macht, Wahlkampf und Politik als Beruf lassen nur einen Schluss zu: Diese Frau drängt es zu Höherem. Sie ist das, was man ein "political animal" nennt, eine Instinktpolitikerin. Die Frage ist nur, ob es ihr gelingt, Temperament und Ungeduld zu zügeln.

Denn auch Wartenkönnen ist eine politische Tugend, und darin schien die 38-Jährige nicht immer ganz firm. Im zarten Alter von 25 – "wie Kai aus der Kiste", sagt sie – zur Chefin der 18 000 Jungsozialisten Deutschlands gewählt, ließ sie das Politik- und Germanistikstudium liegen und wurde Berufspolitikerin. Als Wortführerin des linken Flügels war sie gleich bei drei SPD-internen Königsmorden beteiligt: beim Sturz Rudolf Scharpings vom SPD-Chefsessel 1995, beim Frust-Rückzieher Gerhard Schröders 2004 und beim Rücktritt Franz Münteferings 2005. Damals siegte sie gegen dessen Favoriten in einer Kampfkandidatur um den Posten des Generalsekretärs; "Münte" warf hin, Nahles verzichtete zerknirscht.

"Was heißt hier Königsmord?", protestiert sie. "Das klingt ja wie bei Macbeth. Wir leben in einer Demokratie. Ich habe nur kandidiert und gesiegt. Dafür brauche ich mich nicht zu entschuldigen." – "Und warum haben Sie kandidiert?" – "Weil ich das gut kann, Generalsekretär." – "Was tut so ein Generalseretär?" – "Dem politischen Gegner täglich einen auf die Nuss geben." – "Was bedeutet Ihnen Macht?" –"Natürlich will ich Macht. Wer Politik macht, der will Macht!"

Es ist ein munterer Politquiz, dem Andrea Nahles sich mit erkennbarem Vergnügen stellt. Dabei lässt sie auch persönliche Einblicke zu – anders als Westerwelle, der neulich bemüht schien, sich gegen Schülernachfragen abzuschotten, aus Furcht vor missliebigen Schlagzeilen. So erfährt das Publikum, dass Andrea Nahles gerne mal aufs Gaspedal steigt, wenn ihr danach ist. "Hey, ich bin am Nürburgring aufgewachsen, ein Tempolimit, wie die Grünen das wollen, wäre mit mir nicht zu machen." Und sie bekennt, dass sie sich gerne bei Filmen wie "Conan, der Barbar" entspannt, "Actionfilmen eben, hirnlos, aber ehrlich."