nachgefragt mit Judith Hermann

JUDITH HERMANN IM GESPRÄCH MIT FREIBURGER SCHÜLERN

Mit Freunden am Geschichtentisch

Judith Hermann zeigt sich nicht gern in der Öffentlichkeit. Doch im Gespräch mit Freiburger Schülern machte die Bestsellerautorin ("Sommerhaus, später") eine Ausnahme: In der Reihe"Nachgefragt" im Rotteck-Gymnasium gab sie einiges aus Schreiben und Leben preis.

Judith Hermann fährt nicht Auto. Sie besitzt keinen Fernseher und ist froh, wenn sie nach ihrer Lesereise den Internetzugang wieder kündigen kann. Das Netz sei ihr zu laut, erklärte die Schriftstellerin zur ziemlichen Verwunderung ihrer jungen Gesprächspartner Manuela Dannemann und Johannes Treß. Judith Hermann, Jahrgang 1970, seit dem Überraschungserfolg ihres Erzähldebüts "Sommerhaus, später" – 600 000 verkaufte Exemplare,Übersetzungen in 17 Ländern – die wichtigste deutsche Autorin ihrer Generation, war im Rotteck-Gymnasium: Als 31. Gast der längst weit über die Schule hinaus bekannten Gesprächsreihe "Nachgefragt" mit Prominenten. Wolf Biermann war schon da und Heiner Geißler, Guido Westerwelle und, zuletzt, der weltberühmte Klarinettist Giora Feidman.

Und auch Judith Hermann, die sich bei öffentlichen Auftritten rar macht, ist dem Charme der Situation erlegen. Die beiden hätten so anders gefragt als professionelle Journalisten, sagte sie nach intensiven100 Minuten. Ihrer Direktheit und Unbefangenheit habe sie sich nicht entziehen können. So kam es, dass die Berlinerin sehr ehrlich und ernsthaft auf die in vierwöchiger Arbeit in einem Seminarkurs vorbereiteten Fragen antwortete – und einiges preisgab über Schreiben und Leben.

"Alice" heißt ihr im Frühjahr erschienenes drittes Buch mit – ja, wieder – Erzählungen. Warum es auch diesmal kein Roman geworden sei, wollten die Schüler wissen. "Ich glaube, ich kann es nicht", sagte Hermann. "Der Text entscheidet selber über seine Länge. Man muss sich fügen." Dass Schreiben für sie so etwas wie ein magischer Akt ist: "wider die Vernunft" festzuhalten, was dem Verschwinden anheimgegeben ist, das stellte sich im Lauf des Gesprächs immer deutlicher heraus. Es gehe ihr darum, "Dinge zu bergen im Schreiben": Das erklärte sie auf die Frage, ob sie in den fünf Erzählungen von "Alice", die ausschließlich vom Sterben und Abschiednehmen handeln, versucht habe, einen Verlust zu bewältigen. "Ich glaube an die Erinnerung": So ihre Reaktion auf die Frage, ob sie an ein Leben nach dem Tod glaube.

Judith Hermann, die nach verschiedenen Versuchen, "eine Künstlerin zu werden", weil sie die Freiheit liebte, auf einer Journalistenschule landete und dann bei einem literarischen Workshop – aus dem ihr von Marcel Reich-Ranicki im "Literarischen Quartett" gerühmtes Debüt hervorging – , sieht sich nicht als die Stimme einer Generation. Dass dieSchüler da nachhakten, versteht sich: Schließlich hat ihr die Literaturkritik dieses Etikett mit nachhaltigem Erfolg angeklebt. "Ich weiß nicht, was meine Generation ist", sagte sie. Sie finde "jeden Verallgemeinerungsgedanken" falsch. Ihr Schreiben sei aus nichts anderem entstanden als dem Wunsch, "meine Freunde an einen Geschichtentisch zusetzen".

Da sitzen sie nun: in "Sommerhaus, später", in "Nichts als Gespenster" – woraus Hermann mit ihrer ruhigen melodischen Stimme eine Passage über die "Geisterjägerin" vorlas – ,in "Alice". Und es sind, wie sie richtig vermutete, die Leerstellen in diesen "wie auf dem Drahtseil" einem atmosphärischen Moment hinterhergeschriebenen Geschichten, die zur Identifikation und zur Projektion einladen.

An der "Angreif-Bar", an der die Promis auf dem Prüfstand Dinge in Säckchen ertasten müssen, beförderte Judith Hermann zuerst ein Päckchen Zigaretten ans Licht. Warum sie aufgehört habe zu rauchen? Sie wollte sich, so die erstaunliche Antwort, einmal ganz bewusst für den Verzicht entscheiden. "Glauben Sie an Gott?" Darauf kam ein entwaffnend schlichtes "Ja".

Bettina Schulte (BZ vom 09.07.2009)