Kinder ohne Grenzen. 24 Stunden Stress- und Glückshormone

1764 €, 877 Runden und der 3. Platz in der Teamwertung. In drei Wochen von 0 auf sagenhafte 
351 Kilometer und hinauf auf das Siegerpodest. Ein Durcheinander von Glücksgefühlen, aber auch Nervenkitzel, Aufregung und purer Fassungslosigkeit. Das Erreichte ist einfach phänomenal.

Nur noch wenige Sekunden bis zum Start. Die Aufregung steigt, das Herz schlägt schneller und schneller. Auch bei unserem Coach Max, der den leuchtend gelben Chip mit der Nummer 5 in seiner Hand hin und her dreht, lässt sich ein erstes Zeichen von Nervosität ablesen. Angespannt steht er dicht hinter der Startlinie, den Staffelstab fest im Griff. Während sich die letzten Läufer startklar machen, stellen sich im Publikum alle Gespräche ein, bis der Startschuss dem Warten endlich ein Ende setzt. Jetzt geht’s los!
Laola Wellen durchbrechen die Stille, am Stadionrand wird wild gejubelt, getrommelt und geklatscht und unser Megafon sorgt auch schon ordentlich für Stimmung. Das Chaos an Startläufern ist bereits nach den ersten 100 Metern wie aufgelöst, vorne mit dabei, unser blaues Trikot. Als einer der ersten rollt der Chip für das „Rotteck rennt“ Team in die riesige Chiptrommel. Max passiert die letzte Kurve und biegt auf die Zielgerade ein. „Hep“ und die Staffelübergabe erfolgt. Erste Runde abgehakt. Es ist soweit. Ich übernehme. Lange habe ich auf diesen Augenblick gewartet.

Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern, als wir an einem warmen Sommerabend vor dem Training auf den Stufen im Stadion saßen und der 24 Stundenlauf, ein Lauf für Kinderrechte, das erste Mal die Runde machte. Uns stand allen noch ein dickes Fragezeichen auf der Stirn. Wie sollten wir das nur schaffen? Die ganze Planung und Organisation, die Sponsorensuche und noch dazu in gerade mal drei Wochen? In einem Punkt waren wir uns jedoch alle einig: Wir sind dabei. So wurde spontan das Projekt „24 Stundenlauf“ geboren.

Freiburg, Seeparkstadion, 20 Uhr. Die ersten zwei Stunden oder gut 70 Runden haben wir bereits hinter uns. Inzwischen steht auch der Pavillon, dessen komplizierter Aufbau uns fast zum Verzweifeln brachte. Die Musik laut aufgedreht, der Hefezopf schon zur Hälfte weg und die Läufereinteilung komplett. Von Runde zu Runde  entwickelt sich auf dem „Rotteck rennt“ Campus immer mehr Leben. Die Nacht kann kommen. Fehlt nur noch unsere wohlverdiente Stärkung von einem lokalen Pizzaservice, einem unserer Sponsoren. Auf die Pizza warten wir noch heute, die im Trubel nicht uns, sondern das Organisationsteam überrascht hat. Von der einen auf die andere Minute kehrt eine ungewöhnliche Ruhe ein. Die Dunkelheit und eine unerwartete Kälte im Anmarsch. Im Schein der Flutlichter leert sich die Tartanbahn. Auf dem Rasen werden Teelichter angezündet und mit einem Mal entsteht im Stadion eine unheimlich harmonische Idylle. Man hört nur noch das Rascheln der Schlafsäcke und das Klimpern der Chips, die bei jeder gelaufenen Runde in die Trommel kullern. Manche Teams haben sich schon in ihr Zelt verkrochen und schlafen über Nacht. Doch wir drehen weiter unsere Runden und sammeln Schritt für Schritt ganz neue Erfahrungen. Der ständige Wechsel, das ständige Warten und ständig dieses unbeschreibliche Gefühl von Schwerelosigkeit. Wer läuft schon um 
4 Uhr morgens? Um die Nachtschicht zu überbrücken müssen auch unsere Eltern ihren Sportsgeist beweisen, indem sie uns in der ein oder anderen Stunde ablösen. Regelmäßig werfen wir einen Blick auf die leuchtende Anzeigetafel mit den Zwischenergebnissen der zurückgelegten Strecke. Bereits auf dem 3. Platz, unser „Rotteck rennt“.

In dieser Nacht lassen wir die letzte Zeit Revue passieren und erinnern uns gemeinsam zurück an die endlose Sponsorensuche, die Hin- und Herrennerei von Kinderladen zu Apotheke, von Restaurant zu Sportgeschäft. Sie erforderte fast mehr Ausdauer, als das Rennen selbst. So durchquerten wir, ausgestattet mit selbst entworfenen Schaufensterplakaten und Startnummern als kleiner Anreiz für unsere Sponsoren, ganz Freiburg und versuchten die sympathischsten Unternehmen von unserer Idee zu überzeugen. Unser Aufwand und letztlich unser Erfolg spiegeln sich auch in dem Ranking der Startspenden wider. Hier liegen wir nämlich zu Beginn des Laufes mit einer Pauschalsumme von 1150 € auf dem, sage und schreibe, ersten Platz. Wer hätte das unserem kleinen „Rotteck rennt“ Team zugetraut?

Und wer hätte gedacht, dass wir in den frühen Morgenstunden, mit durchschnittlich zwei Stunden Schlaf, immer noch hier auf der Bahn stehen? Jetzt wird uns erst richtig bewusst, dass vor uns noch eine lange Zeit liegt. Da kann es schon einmal passieren, dass man etwas überreagiert, wenn man plötzlich aus dem Schlaf gerissen wird und schon parat stehen soll. Neben der Müdigkeit nicht zu vergessen, die harte Nacht, die uns in den Beinen steckt. Da wir im Moment gerade mal acht Läufer sind, ändern wir unsere Taktik, erneutes Umschalten auf 400 Meter. So anstrengend der Morgen auch ist, wir bauen unseren Abstand auf den 4. Platz immer weiter aus. Näher und näher kommen wir dem 2. Platz. Von nun an heißt es nur noch kämpfen.

Und auch damit haben wir schon ausreichend Erfahrung gemacht. Wenn uns Max nach einem schnellen 
800 Meter Lauf weitere 100 Meter laufen lässt oder kurz vor Schluss doch noch einen 400er einlegt. Over distance, also über unsere Grenzen hinaus laufen und es einfach nur noch Kopfsache sein lassen. Überwindung, Ehrgeiz, Durchhaltevermögen. Das genau zahlt sich jetzt aus.

Denn nach wie vor spekulieren wir noch darauf, den derzeit Zweitplatzierten einzuholen. Noch genau vier Stunden. Die Sonne knallt auf die rote Kunststoffbahn. Drückende Hitze und gefühlte 30 °C. Vom Ehrgeiz gepackt und motiviert vom Teamgeist gibt das „Rotteck rennt“ noch einmal alles. Die Spannung steigt kontinuierlich. Jeder Staffelwechsel wird mit lautem Anfeuern begleitet. Egal ob ein Referendar einem von uns den Stab in die Hand drückt, oder der kleine Fünftklässler auf unseren Direktor übergibt. Doch die Realität holt uns schnell ein. Zwei Stunden vor Schluss fünf Runden zurück und geben uns sportlich geschlagen. Und somit steht wieder der Spaß im Fokus. Im Schatten unseres Pavillons reflektieren wir über unsere Entwicklung, die wir als Lauf AG des Rottecks gemacht haben.

Angefangen hat alles vor ca. vier Jahren. Mit einer Handvoll Schülern startete Max jeden Montag Abend das Lauftraining. Anfangs waren wir gerade einmal fünf Läufer. Von Jahr zu Jahr kamen auch von anderen Schulen immer mehr dazu. Wir sind inzwischen ein richtiges Team geworden und erleben immer wieder aufregende Momente zusammen. Wie zum Beispiel den Freiburger Halbmarathon, den Schluchseelauf, die Freiburger Laufnacht, unseren Transschwarzwaldmarathon oder auch jetzt den 24 Stundenlauf.

23:56:00 blinkt es auf der riesigen Anzeigetafel. Noch genau vier Minuten. Und in diesen vier Minuten genießen wir die Stimmung noch einmal mit allen Sinnen. Das gesamte „Rotteck rennt“ geht auf die Bahn und schließt 24 bewegende, schweißtreibende und unvergessliche Stunden auf den letzten 800 Metern gemeinsam ab. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl, emotionaler Ausnahmezustand. Wir fiebern der Siegerehrung entgegen. Alle 43 Teams werden gefeiert. Dann endlich dürfen wir auf das Siegerpodest. 
3. Platz – uns fehlen einfach nur noch die Worte. Mit diesem Ergebnis haben wir mehr erreicht, als wir uns je erträumt hatten. 24 Stunden Einsatz, Laufen für einen guten Zweck und Spaß ohne Ende.
Der 24 Stundenlauf beschert uns allen einen heftigen Muskelkater, dafür machen wir die einzigartige Erfahrung, dass man als Team gemeinsam viel erreichen kann. Gibt es noch etwas Schöneres, als diesen tollen Tag mit einem frischen Radler im Seepark ausklingen zu lassen?

Verfasserin: Kim Erat, 10c